Das Fließband kommt zurück
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Das Fließband kommt zurück

Michael Schiller
21. Februar 2026 · 9 Minuten Lesezeit
Digitalisierung KI Zukunftsfähigkeit Softwareentwicklung
Ich sitze hier und schaue auf das, was gerade passiert. Und ich schwanke zwischen Faszination und einem Unbehagen, das ich nicht ignorieren kann.
KI kann Architektur. KI kann Systeme bauen. KI kann orchestrieren, Prozesse optimieren, Produkte entwickeln. Das muss nur noch zusammengeführt werden. Ein kleiner Schritt noch, dann ist sie da: die dunkle Fabrik. Vollautomatisch. Kein Mensch mehr nötig.
Und wisst ihr was? Für eine Welt des Fließbands und des Mittelmaßes reicht das vollkommen aus.

Der Big Mac der Softwareentwicklung

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr in einer fremden Stadt seid, hungrig, müde, und dann seht ihr die goldenen Bögen? Ihr wisst genau, was euch erwartet. Der gleiche Burger, die gleichen Pommes, der gleiche Geschmack. Überall auf der Welt. Kein Risiko. Keine Überraschung. Keine Enttäuschung.
Aber auch kein Moment, in dem ihr die Augen schließt und denkt: Das ist das Beste, was ich je gegessen habe.
McDonald's ist eine Meisterleistung der Standardisierung. Jeder Handgriff optimiert, jede Zutat portioniert, jeder Prozess dokumentiert. Das Ergebnis ist immer gleich. Und genau das ist das Versprechen: Verlässliches Mittelmaß.
Agentenfarmen sind der Big Mac der Softwareentwicklung. Anforderungen rein, Code raus. Immer gleich. Immer vorhersehbar. Immer okay.
Aber eben nur okay.

Fabrizieren ist nicht Entwickeln

Es gibt einen Unterschied, den die meisten übersehen. Einen Unterschied, der alles verändert.
Fabrizieren heißt: Bekanntes reproduzieren. Schnell, effizient, skalierbar. Input rein, Output raus. Das können Maschinen. Das konnten sie schon immer. Jetzt können sie es auch mit Code.
Entwickeln heißt: Ent-wickeln. Ins Unbekannte gehen. Mit einem Problem starten und auf dem Weg das eigentliche Problem finden. Und dann die einfachste Lösung. Nicht die erste. Nicht die offensichtliche. Die richtige.
Wirklich gute Software war schon immer ein Zusammenspiel von Korrektivprozessen, Irritationen, Hypothesen, Lernen, Beobachten, Intuition und Expertise. Wir gehen mit einem Problem in den Prozess und finden auf dem Weg das eigentliche Problem und die einfachste Lösung.
Das ist kein romantisches Ideal. Das ist die Realität jedes Projekts, das am Ende wirklich funktioniert hat. Viele Produkte, die Nutzer lieben, wurde nicht fabriziert. Sie wurden entdeckt. Im Prozess. Durch Menschen, die bereit waren, ihre erste Annahme zu verwerfen.

Die Rückkehr des Fließbands

Und jetzt kommen die Agentenfarmen.
Agent schreibt Code. Agent reviewt Code. Agent testet Code. Agent deployed Code. Agent überwacht Code. Alles automatisch, alles skalierbar, alles ohne menschliches Zutun.
Klingt nach Fortschritt. Fühlt sich an wie Rückschritt.
Denn was hier passiert, ist nichts anderes als die Rückkehr des Fließbands. Wir haben Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, dass Wissensarbeit nicht wie Fabrikarbeit funktioniert. Dass man Kreativität nicht in Taktzeiten pressen kann. Dass Sprints keine Schichten sind und Story Points keine Stückzahlen.
Und jetzt? Jetzt bauen wir digitale Fabriken und nennen es Innovation.
Mit dem Einsatz der Agentenfarmen werden wir wieder fabrizieren. Masse statt Klasse. Funktioniert, definitiv. Ist aber auf einer anderen Ebene Waste.
Waste. Nicht im Sinne von Ressourcenverschwendung. Sondern im Sinne von: Wir lösen die falschen Probleme. Wir produzieren Software, die niemand braucht – nur schneller. Wir optimieren den Output, ohne den Outcome zu hinterfragen.

Was auf der Strecke bleibt

Wenn Agenten sich gegenseitig orchestrieren, passiert etwas Subtiles: Die Irritation verschwindet.
In einem guten Entwicklungsprozess gibt es Momente, in denen jemand sagt: „Moment. Das fühlt sich falsch an." Momente, in denen ein Entwickler eine Anforderung hinterfragt. In denen ein Designer sagt: „Das löst nicht das Problem des Nutzers." In denen jemand den Mut hat, alles über den Haufen zu werfen und neu zu denken.
Diese Momente sind unbequem. Sie kosten Zeit. Sie fühlen sich wie Rückschritte an.
Aber sie sind der Grund, warum am Ende etwas Gutes entsteht.
Agenten haben keine Irritation. Sie haben keine Zweifel. Sie optimieren, was man ihnen gibt, und liefern, was man von ihnen erwartet. Nicht mehr, nicht weniger. Und genau das ist das Problem: Gute Software entsteht nicht durch Erwartungserfüllung. Sie entsteht durch Erwartungsüberschreitung. Durch das Unerwartete. Durch den Moment, in dem jemand sagt: „Was wäre, wenn wir das ganz anders machen?"

Was ich nicht sage

Ich sage nicht, dass KI schlecht ist. Ich nutze sie jeden Tag. Sie macht mich schneller, präziser, produktiver. Ich schreibe meiner KI eine Bedienungsanleitung, damit sie mich besser unterstützen kann. Und für Generalisten wie mich – Menschen, die in vielen Welten unterwegs sind, die Architektur denken, Code schreiben, Kunden beraten, Teams führen – ist das absolut großartig. KI gibt mir Tiefe in der Breite.
Ich sage nicht, dass Automatisierung falsch ist. Für Standardprobleme, für Boilerplate, für alles, was schon tausendmal gelöst wurde – ist sie ein Segen.
Aber hier liegt die Falle: KI automatisiert die Vergangenheit. Sie manifestiert, was war. Sie nimmt das Wissen von gestern und reproduziert es in Lichtgeschwindigkeit. Das ist mächtig. Aber es ist nicht Weiterentwicklung.
Denkt an das, was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben. Die Saat, die wir gesät haben. Bessere Prozesse, menschlichere Zusammenarbeit, ein tieferes Verständnis davon, wie gute Software wirklich entsteht. Agile war nicht perfekt, aber es war ein Schritt weg vom Fließband. Hin zu Teams, die denken dürfen. Die lernen dürfen. Die irren dürfen.
Agentenfarmen und ihre unreflektierten und kurzdenkenden Jünger zertrampeln diese Saat. Nicht aus Bosheit. Sondern weil sie gar nicht wissen, dass da etwas wächst. Sie sehen den Boden und optimieren die Ernte – ohne zu verstehen, dass manche Dinge Zeit brauchen, um zu reifen.
KI konserviert den Status quo in Lichtgeschwindigkeit. Aber Fortschritt entsteht nicht durch schnellere Wiederholung. Fortschritt entsteht durch das, was noch niemand gedacht hat.
Was ich sage: Verwechselt nicht Fabrikation mit Entwicklung. Verwechselt nicht Output mit Outcome. Verwechselt nicht Geschwindigkeit mit Fortschritt.
Die dunkle Fabrik wird kommen.
Für manche Bereiche ist sie die richtige Antwort. Aber für alles, was wirklich zählt – für Software, die Probleme löst, die vorher niemand gesehen hat, für Produkte, die Menschen überraschen, für Lösungen, die passen wie ein Maßanzug – braucht es mehr als Agenten.

Das Ruhrgebiet weiß, was danach kommt

Ich lebe nun im Ruhrgebiet. Wenn es einen Ort gibt, der versteht, was passiert, wenn man ein ganzes System auf eine einzige Annahme baut, dann ist es dieser.
Die Annahme im Ruhrgebiet hieß: Kohle wird immer gebraucht. Darauf wurde alles gebaut. Zechen, Hochöfen, ganze Städte, ganze Lebensentwürfe. Es war keine schlechte Annahme – jahrzehntelang stimmte sie. Das System war effizient, skalierbar, produktiv.
Bis sich die Welt veränderte. Nicht weil die Menschen zu teuer wurden oder zu langsam. Sondern weil die Grundannahme nicht mehr stimmte. Billigere Kohle aus dem Ausland, neue Energiequellen, eine Welt, die plötzlich etwas anderes brauchte als das, was die Fabriken produzierten.
Und genau das ist die Parallele zur Softwarebranche heute. Die Annahme der Agentenfarmen heißt: Die Probleme von morgen sehen aus wie die Probleme von gestern. Darauf wird alles gebaut. Automatisierung, Skalierung, Reproduktion. Und solange diese Annahme stimmt, funktioniert es.
Aber Annahmen haben die Eigenschaft, genau dann zu brechen, wenn man am meisten auf sie baut.
Was das Ruhrgebiet gerettet hat, waren nicht die Fabriken. Es waren die Menschen. Menschen, die gelernt haben, sich neu zu erfinden. Nicht einmal, sondern immer wieder. Von Kohle zu Stahl, von Stahl zu Dienstleistung, von Dienstleistung zu Technologie und Kreativwirtschaft. Nicht weil jemand es geplant hat, sondern weil sie die Fähigkeit hatten, sich anzupassen, wenn die alte Annahme zerbrach.
Der Allensbach-Mentalitätsatlas zeigt: 77% der Menschen außerhalb der Region sehen die Ruhrgebietler als besonders flexibel an. 87% attestieren ihnen Direktheit. 85% ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
Das sind keine Soft Skills. Das ist Überlebenskompetenz. Resilienz, die aus echtem Wandel gewachsen ist, nicht aus einem Workshop.
Resilienz lernt man nicht aus Büchern. Man lernt sie, indem man durch Veränderungen geht, die man sich nicht ausgesucht hat. Und trotzdem weitergeht.

Die Lösung liegt auf dem Tisch

Und jetzt die gute Nachricht: Die Antwort ist nicht kompliziert. Sie ist eigentlich offensichtlich.
Es geht nicht um KI oder Mensch. Es geht um KI und Mensch. Ein echtes Miteinander.
Wir nennen das den kleinsten Loop. Mensch und KI, eng verzahnt, in einem Kreislauf, der schnell genug ist, um zu lernen, und menschlich genug, um zu verstehen.
Die KI bringt die Vergangenheit mit. Muster, Geschwindigkeit, das Wissen von Millionen Projekten. Der Mensch bringt die Zukunft. Zweifel, Intuition, die Fähigkeit zu sagen: „Das ist nicht das, was wir wirklich brauchen."
Die KI beschleunigt. Der Mensch gibt Richtung. Die KI generiert. Der Mensch entscheidet. Die KI reproduziert die Vergangenheit und der Mensch bricht aus ihr aus.
Das ist kein Kompromiss. Das ist die Kombination, die alles verändert.
Ein kleines Team, das so arbeitet, schafft heute, wofür früher ganze Abteilungen gebraucht wurden. Nicht weil die Menschen ersetzt werden, sondern weil jeder Einzelne mehr bewirken kann. Weil die KI den Ballast übernimmt und der Mensch sich auf das konzentrieren kann, was nur er kann: verstehen, urteilen, zweifeln, neu denken.
Die Lösung ist nicht weniger Mensch. Die Lösung ist mehr Miteinander. Mensch und Maschine, so eng verzahnt, dass etwas entsteht, das keiner von beiden allein schaffen könnte.

Der Blick nach vorne

Hier ist, was mich trotz allem optimistisch stimmt:
Die besten Teams, die ich kenne, werden gerade besser. Nicht trotz KI, sondern mit KI. Sie nutzen die Geschwindigkeit der Maschine und die Tiefe des Menschen. Sie fabrizieren nicht, sie entwickeln. Nur schneller als je zuvor.
Was früher 100.000 Euro kostete, ist heute für einen Bruchteil machbar. Nicht weil Menschen ersetzt wurden, sondern weil sie sich auf das konzentrieren können, was nur sie können: verstehen, urteilen, entscheiden, zweifeln, neu denken.
Das Ruhrgebiet hat gezeigt, dass nach jeder Fabrik etwas Neues kommt. Etwas Menschlicheres. Etwas Resilienteres. Der Strukturwandel war brutal, aber er hat eine Region hervorgebracht, die Veränderung nicht fürchtet, sondern gestaltet.
Genau das wird auch in unserer Branche – in sehr vielen Branchen! – passieren. Die Agentenfarmen werden ihren Platz finden – für das Standardisierte, das Reproduzierbare, das Mittelmaß. McDonald's und Burger King haben auch ihren Platz. Milliarden Menschen essen dort. Es funktioniert.
Aber der Moment, in dem du die Augen schließt und sagst „Das ist es", der passiert woanders. An einem Tisch, an dem jemand mit Leidenschaft kocht. Der die Zutaten kennt, der improvisiert, der schmeckt und nachwürzt und nochmal von vorne anfängt, bis es stimmt.
So ist es auch mit Software. Die besten Lösungen entstehen nicht am Fließband. Sie entstehen dort, wo Menschen mit Hingabe arbeiten. Mit KI als Werkzeug, nicht als Ersatz.
Die Zukunft gehört nicht der dunklen Fabrik. Sie gehört denen, die im Dunkeln das Licht anmachen. Die fragen, zweifeln, neu denken. Die wissen, dass der Weg das Ziel formt – und nicht umgekehrt.
Das Fließband kommt zurück. Aber wir sind keine Fließbandarbeiter. Wir waren es nie.
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